Im Rahmen der Ausstellung African Mobilities. This Is Not a Refugee Camp fand am 26. März 2018 die Konferenz Munich Exchange statt. Dies war einer von 7 Workshops in verschiedenen Städten auf dem afrikanischen Kontinent und in New York. In München nahmen ungefähr 25 Akademiker, Künstler und Kuratoren an dem Seminar im Vorhoelzer Forum teil. Einige Studenten der TU München und Interessierte aus dem Münchner Umfeld kamen noch hinzu. Professor Andres Lepik und Dr. Mpho Matsipa vom Wits City Institute an der University of Witwatersrand in Johannesburg, und Kuratorin der Ausstellung, eröffneten die Konferenz.

Die Konferenz selbst beschäftigt sich mit intellektueller Mobilität, die auch in der Ausstellung thematisiert wird. Dazu zählen neben dem Austausch von Ideen unter Intellektuellen auch das Verbreiten von Wissen unter den Menschen außerhalb dieser Kreise. In ihrer Präsentation beschrieben Mabel Wilson und Mario Gooden zum Beispiel, wie Architekten alle Bewohner der Städte in denen Sie planen in ihre Visionen mit einbeziehen könnten. Die Präsentation bezog sich auf ihre Forschungen zu Freiheit und Sicherheit von Menschen afrikanischer Abstammung im öffentlichen Raum.

Intellektuelle Mobilität meint im Rahmen der Ausstellung auch einen Austausch zwischen Afrika und den Nationen der nördlichen Hemisphäre. Dieses Thema kam in der Präsentation von Ikem Okoye über das Zusammenleben von Nomaden und Menschen in permanenten Siedlungen auf. Mit einem historischen Bild von Timbuktu, welches mehrere runde Zelte unter quadratischen permanenten Gebäuden zeigt, illustrierte er wie diese zwei Teile der damaligen Gesellschaft in Timbuktu sich gegenseitig tolerierten. Er betonte den Austausch von Ideen und Gütern der unter ihnen stattfand. Besonders relevant war diese Präsentation wegen der aktuellen Flüchtlingssituation, welche als Krise wahrgenommen wird, da die Studie von Timbuktu Lösungsansätze für das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen zeigt.

Als Plattform für den Austausch zwischen Afrika und Europa ist African Mobilities revolutionär. Es gab schon einige Ausstellungen am Architekturmuseum, wie Afritecture, Building Social Change, die sich das Thema Afrika vorgenommen haben. Doch obwohl dieses Thema in den letzten Jahren viel an Popularität gewonnen hat, besonders im Zusammenhang mit „sozialer Architektur“, also Architektur, die besonders an ihr soziales Umfeld angepasst ist, kann man noch nicht von einer Renaissance afrikanischer Architektur sprechen. Es gibt bislang nur wenige Architekten wie Francis Kéré, die dafür bekannt sind das Design dezidiert afrikanischer Architektur voranzutreiben. Eine große Schwierigkeit für Institutionen wie das Architekturmuseum ist dabei, sich dem kolonialen Blickpunkt zu entziehen. Es ist der selbst-reflektierende Blick einer afrikanischen Kuratorin auf den eigenen Kontinent, welcher diese Ausstellung so besonders macht.

Die Ausstellung ist imaginativ und zukunftsorientiert, was man auch an dem ansprechenden Design erkennt. Deckenhohe gelbe Wände verwandeln die Räume der Pinakothek der Moderne so stark, dass man sich vorkommt wie an einem anderen Ort, oder einer anderen Zeit. Eines der ersten Ausstellungsstücke ist eine VR Installation von Olalekan Jeyifous und Olawale Lawal. Mad Horse City zeigt wie der Makoko Slum in Lagos in 100 Jahren aussehen könnte, wenn die Überbevölkerung und Ausgrenzung des Slums einen Extrempunkt erreicht haben. Somit erinnert das Projekt den Besucher daran, dass Mobilität innerhalb des Kontinents, beispielsweise die Mobilität zwischen ländlichen und urbanen Räumen, aus einer viel höheren Anzahl von Menschen besteht als die Mobilität zwischen Afrika und „nördlichen Zentren des globalen Kapitals“, wie Mpho Matsipa sie nennt.

Die Ausstellung gibt dem Besucher mehrere Gelegenheiten, über die Beziehungen zwischen Afrika und dem Norden nachzudenken. Das Projekt Island Crossings: Between Myths and Hallucinatory Realities stellt so eine Gelegenheit dar. Die Beziehungen zwischen der Wirtschaft des Südens und des Westens werden durch die großen Wäschetrommeln dargestellt, Bidons genannt, in denen Altkleider aus den USA und Europa nach Kap Verde verschifft werden. In einem Video werden die Bidons neben Bildern der Häuser der Absender in den USA abgebildet, die in Google Maps zu finden sind. Weder in dem Video oder sonst in der Installation wird ein moralischer Standpunkt bezogen, was dem Besucher die Freiheit zur eigenen Evaluation gibt.

Ein Kritikpunkt an der Ausstellung sind die teilweise sehr komplexen Ausstellungsstücke, was die Rolle der Ausstellung als Vermittler von Ideen für ein breiteres Publikum etwas einschränkt. Ein Beispiel ist das optisch attraktive Projekt Cartographic Entanglements von Dana Wabhira, Nolan Oswald Dennis und Thembinkosi Goniwe. Um die Aussage des Projektes zu verstehen braucht es viel Zeit und Konzentration, um den dazugehörigen Essay zu lesen. Erst dann wird klar, dass es sich um drei überlagerte Karten handelt, die Cecil John Rhodes Bahnstrecke, die Infrastruktur die sich dadurch entwickelte, und die Musik des Widerstands die sich oft um die Eisenbahn drehte.

Es ist jedoch genau diese Komplexität die es spannend macht, sich länger mit dem Projekt auseinanderzusetzen und die Möglichkeit wahrzunehmen, immer weitere Schichten an Bedeutung und Analysen zu erkennen. Zum Ausgleich gibt es auch Projekte wie 3×3: Geographies of the Kitenge Trade, welches die Geschichte vom Kitenge Händler Elvis erzählt, in die man sich vielleicht schneller reinversetzen kann.

Ein Vorteil der Komplexität einiger Ausstellungsstücke ist die öffentliche Diskussion die dadurch entsteht. Dies war in der ersten, gut besuchten Kuratorenführung spürbar, wo einige Fragen zu den Projekten auch von Besuchern afrikanischer Abstammung beantwortet wurden. So entstanden einige Diskussionen zwischen den Besuchern. Der Kommentar von in München lebenden Menschen afrikanischer Abstammung, das sie sich in der Thematik der Ausstellung zum ersten Mal repräsentiert fühlen, fiel einige Male.

Jeder Besucher wird von der Ausstellung eingeladen, sich länger mit dem Thema auseinander zu setzen. Ein starkes Beispiel dafür ist die Chimurenga Bibliothek, in der nicht nur Musik und Bücher zu dem Thema zu finden sind, aber auch Platz für kleine Diskussionsgruppen und Vorträge wie die Listening Session die im Anschluss zur Munich Exchange dort stattfand. Ich glaube, dass viele Orte innerhalb Afrika und der Diaspora von so einem Raum profitieren würden, und hoffe, dass die Ausstellung weiter wandern wird. Ob dies stattfindet oder nicht, African Mobilities und Munich Exchange sind ein Ansatz für ein neues Weltbild von Afrika und einer veränderten Beziehung zwischen Afrika und dem Norden. Ich hoffe sehr, dass sich diese Ansätze weiterentwickeln und die Bewegung nur an Fahrt gewinnt.

-Tonderai Koschke

Beteiligte:

Mpho Matsipa (Kuratorin African Mobilities)

Ikem Okoye (Architekt und Historiker)

Mario Gooden (Architekt)

Mabel Wilson (Architektin und Historikerin)

Olalekan Jeyifous (Künstler)

Olawale Lawal (Künstler)

N’Goné Fall (Architektin und Künstlerin)

Julia Wissert (Regisseurin)

Jean-Ulrick Désert (Architekt und Künstler)

Thembinkosi Goniwe (Kurator)

Lesley Lokko (Architekt und Autorin)

Ilze Wolff (Architektin)

Doreen Adengo (Architektin)

Will Monteith (Forscher)

Paula Nascimento (Architektin)

Patti Anahory (Architektin)

César Cardoso Schofield (Künstler)

Jean-Charles Tall (Architekt)