Die Vergangenheit ist ein fremdes Land

„Es gibt heutzutage Karten, deren Ansichten nichts mit Oberfläche zu tun haben.“ – Michael Ondaatje

Dieser Essay besteht aus drei Teilen, von denen sich jeder auf einige Aspekte der komplexen Beziehung zwischen „zu Hause“ und „in der Fremde“, zwischen „Wurzeln“ und „Wegen“ sowie zwischen „Ausgangspunkt“ und „Bestimmungsort“ konzentriert. Er legt den Schwerpunkt auf einen Aspekt afrikanischer Mobilität – Migration – und ist bestrebt, sie innerhalb einer sehr viel umfassenderen und längeren Geschichte der Fortbewegung von Völkern im Allgemeinen einzuordnen. Die Teile 1 und 2 sind mäandernd und diskursiv, sie beziehen sich auf die Arbeiten von Wissenschaftlern aus den Fachrichtungen Linguistik, Geografie, Biologie und Literatur. Beide versuchen, hinter die oftmals bequemen, klischeehaften Beschreibungen von Migranten und Migration zu blicken. Teil 3 ist visuell und spekulativ, er greift auf die Arbeiten zweier Studios (Units) der Graduate School of Architecture (GSA) der University of Johannesburg zurück, und zwar auf Projekte, die sich an der schwierigen, komplizierten Aufgabe der Übertragung in Form versucht haben. Aissata Balde, eine in Guinea geborene Absolventin der GSA, war die Gewinnerin der sogenannten Speculative Category der Africa Architecture Awards 2017. Ihr in diesem Essay erwähntes Projekt The Territory In-Between geht direkt auf ihre eigene Erfahrung mit Migration und Vertreibung zurück und zeigt, wenngleich vorsichtig, dass es tatsächlich möglich ist, auf eine Art zu denken (und zu handeln), die die Komplexität des aktuellen Diskurses über Migration nicht verflacht, sondern die stattdessen neue räumlich-materielle und zeitliche Möglichkeiten konstruiert. Sämtliche Zeichnungen und Illustrationen sind sowohl suggestiv als auch illustrativ, das heißt, die Verbindung zwischen Bild und Text ist vielleicht nicht immer direkt, geschweige denn buchstäblich ist. Eine besondere Aufmerksamkeit gilt der Beziehung zwischen Bild und Text, um eine tiefer greifende Aussage zu formulieren, wenn es darum geht, unter die „Oberfläche der Dinge“ zu blicken. Ein Aspekt sticht jedoch durchwegs heraus: Die Antworten (so wie sie sind) finden sich öfter im „Wie“ als im „Was“. Nach 30 Jahren Beschäftigung mit, durch und rund um Themen über Rasse, Identität und Diaspora sowie deren mögliche Auswirkungen auf Architektur hat der Begriff des „indirekten“ Blicks des italienischen Architekten und Stadtplaners Stefano Boeri, das „Betrachten eines Raumes, während er sich verändert“[1], meine Arbeit als Dozentin und Designerin schon intuitiv beeinflusst, lange bevor ich mir dessen bewusst war. In den Eclectic Atlases: Four Possible Ways of Seeing the City, erstmals 1998 erschienen, beschreibt Boeri die vier „Blicke“, um städtische Phänomene zu sehen, die „für gewöhnlich von unseren Karten versteckt werden“.[2] Vor nahezu 20 Jahren beschrieb er diesen Zustand: „[…] mitten in einer Übergangsphase der Disziplinen Architektur und Urbanismus. Die meisten dieser Symptome sind linguistischer Art, Schwächen in unserem architektonischen Vokabular, konfrontiert mit der Komplexität aktueller urbaner Räume.“ Von den vier Blicken – detektivisch, indirekt, probierend und mobil – ist es der indirekte Blick, der Denkern und Fachleuten die meisten Möglichkeiten bietet, wenn sie Phänomene betrachten, die historisch außerhalb oder abseits etablierter Architekturdiskurse angesiedelt sind (Fragen wie Migration, Rasse, Identität und Geschlecht), eine Rahmenstruktur, die sowohl kreativ als auch kontrolliert ist. Der indirekte Blick bewegt sich zwischen Raum und Gesellschaft, er beobachtet und analysiert die sich stets verändernde Gestalt und Form physischer Territorien. Boeri spricht selbstverständlich von Städten und urbanen Räumen in Europa, doch sein Versuch, „den verschlüsselten Standpunkt der Axonometrie mit einer poetischen, willkürlichen Perspektive zu verbinden“[3], fördert eine visuelle Herangehensweise, die die Ausbildung einer weitaus nuancierteren und eindringlicheren räumlichen Sprache erlaubt. Da alles mit – visueller, gesprochener, geschriebener – Sprache beginnt, sind die Möglichkeiten, dass eine neue Sprache geringfügige Diskurse bieten kann, sowohl endlos als auch enorm. Die Eclectic Atlases, „vieldimensional, fadenscheinig und experimentell“[4], „attackieren seitwärts […], da sie an die Existenz profunder Verbindungen zwischen den Formen der Sicht und den Formen der gesehenen Dinge glauben“. Die Beziehung zwischen dem, wie man sieht, und dem, was man sieht, ist grundlegend, gewissermaßen ursprünglich.

Abb. 1
Mitglieder der libyschen Misurata Task Force auf Patrouille, auf der Suche nach afrikanischen Migranten in Ubari, Libyen, einer der Hauptschmuggelrouten in den Norden Richtung Europa © Foto: Mark Micallef

 

Der Künstler Yohann Quëland de Saint-Pern lebt und arbeitet in La Réunion, wo er 1980 geboren wurde. Seine Arbeiten sind gleichzeitig träumerisch-poetisch und qualvoll-politisch. Bei ihnen handelt es sich oftmals um großformatige Video-Performances oder Installationen, die Autorität infrage stellen, unabhängig von Kontext, Standort oder Schauplatz. Zwei aktuelle Arbeiten, die Videos Désert # 1 und Urban Scénos, beschwören und verstärken beide von Neuem diese ursprüngliche Verbindung. Das erste kurze Video zeigt den Künstler, wie er durch eine namenlose Wüste wandert, und erinnert an das Bild der Misurata Task Force (Abb. 1). In dem Video geht Quëland de Saint-Pern mit einer an seinem Unterarm befestigten Kamera und nimmt die Wüste auf, die sich vor ihm ausbreitet. Klugerweise ist jedoch ein Spiegel an der Kamera montiert, der es ihm erlaubt, gleichzeitig aufzuzeichnen, wo er gerade war, wodurch die Zukunft (was vor ihm liegt) mit der Vergangenheit (was sich dahinter befindet) zusammenfällt. Raffiniert. Tiefgründig. Wie du etwas siehst, gestaltet das, was du siehst. Ich kehre in Teil 3 mit Aissata Baldes Arbeit und jenen von Unit 11 und 12 im Allgemeinen, ausführlicher zu diesem Punkt zurück, doch nun … eine Rückkehr zum Anfang, zu „Zeit“ und „Ort“.

Teil 1: Raum + Zeit = Ort

„Und doch sind Karten, so wie jede andere Darstellung von Ereignissen oder Dingen, genau das: Darstellungen. Keine Realität, bloße Faksimiles, aus gesammelten Hinweisen zusammengestückelt und durch unser Vertrauen in sie zum Ganzen geworden. Denn Darstellungen können manipulieren und verzerren, lügen, verhüllen, an Details sparen, den Beweis verbiegen. Sie führen uns in die Irre. Und wenn eine Karte verdächtig ist, sind es doch sicher alle?“

James Bradley

Abb. 2
Dicotyledoneae Asteraceae, eine verzweigte Pflanzenwurzel © Open Source

 

Der Titel zu diesem Essay stammt aus Leslie Poles Hartleys Roman The Go-Between (dt. Der Zoll des Glücks, 1956, bzw. The Go-Between, 2008), dessen Eröffnungssatz „Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, dort gelten andere Regeln“ beinahe schon sprichwörtlichen Charakter hat. In dem Buch geht es um viele verschiedene Dinge: Erinnerung, Astrologie, Klasse, Risiko, Skandal, Betrug, Liebe und Verlust. Obwohl The Go-Between bereits vor über 60 Jahren geschrieben wurde, ist seine besondere Verschmelzung von Ort, Zeit und Geisteshaltung sowohl aktuell als auch vorausahnend. (Zum Beispiel: Brexit-Befürworter oder Brexit-Gegner: „Europa ist ein anderes Land; dort gelten andere Regeln.“) Tatsächlich waren die vergangenen 30 Jahre dermaßen von der Frage der Zugehörigkeit beherrscht – Wohin gehöre ich? –, dass die Migration selbst weniger eine physische Beschreibung von Bewegung von einem Ort zum anderen zu sein scheint, sondern vielmehr eine Geisteshaltung, ein Seinszustand – metaphysisch im wahrsten Sinn des Worts.

Geografie war einst die Disziplin, die am eindeutigsten mit einem Ort identifiziert wurde − gewiss im Sinne von Territorium oder Standort −, und Architektur war wahrscheinlich am engsten an die Gestaltung von Orten angeglichen, was ihr im Gegenzug [Ort] Form, Bedeutung und Identität verlieh. Aber, wie Neil Smith und Cindi Katz festhielten: „Der [aktuelle] Umfang des Interesses am Raum ist dem Umfang räumlicher Metaphern angepasst, die neuerdings in Mode sind. In der Sozialtheorie und der Literaturkritik sind räumliche Metaphern zu einem beherrschenden Mittel geworden, durch welches das soziale Leben erfasst wird. ,Theoretische Räume‘ wurden ,erforscht‘, ,kartiert‘, ,entworfen‘ […] ,dekolonialisiert‘ und jeder scheint zu ,reisen‘“[5]. Eine Google-Suche nach dem Wort „refugee“ ergibt 115 Millionen Treffer, „migration“ 68 Millionen und „nationality“ 30,4 Millionen. Bezeichnenderweise ergibt „illegal immigrant“ nur die Hälfte der Treffer – 5,2 Millionen – die Suche nach „African migrant“ führt zu 10,8 Millionen. Afrikanische Migranten gehen einigen Menschen ganz eindeutig nicht aus dem Kopf.

Doch die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte von Migration und zwar auf einer ganz grundlegenden Ebene. Sie begann mit der Fortbewegung des Homo erectus aus Afrika vor etwa 1,75 Millionen Jahren, und seitdem sind wir so gut wie ständig „in Bewegung“. Der Homo sapiens, unser frühester direkter Vorfahre, scheint vor etwa 150.000 Jahren ganz Afrika eingenommen zu haben (und überwand beachtliche Entfernungen innerhalb Afrikas, und das nicht ganz zufällig). Dann verließ er Afrika irgendwann vor 70.000 bis 125.000 Jahren in Richtung Asien, Australasien, Europa und, etwas später, nach Amerika. Fortbewegung – geografisch, biologisch, linguistisch – liegt uns also buchstäblich im Blut. Obwohl sie kritisiert wurde,[6] bietet die Minidokumentation Momondo: The DNA Journey – 2016 von dem dänischen Reisesuchmaschinenunternehmen Momondo produziert (ein Ausschnitt aus der Dokumentation findet sich hier – eine bewegende (dabei bleibt mit Sicherheit kein Auge trocken), wenn auch stilisierte Interpretation und Darstellung menschlicher Migration.

 

Abb. 3
Standbild aus dem Film Momondo: The DNA Journey © The North Alliance

 

Es gibt verschiedene Disziplinen, deren Aufgabe es ist, den verworrenen Wurzeln bzw. Wegen menschlicher Migration nachzuspüren. Molekular- und Evolutionsbiologie (unter anderen) bieten die Annehmlichkeit wissenschaftlicher Untersuchungen,[7] ich fühle mich jedoch zu anderen hingezogen, nämlich zu Literatur und Kunst, besonders was deren Arbeitsmethodik anbelangt, als kreative Modelle für Architektur. Toni Morrison, die afroamerikanische Nobelpreisträgerin, deren Arbeiten das Feld amerikanischer Literatur grundlegend und unwiderruflich verändert haben, ist vielleicht das beste Beispiel für eine Schriftstellerin, die Ursprung und Erinnerung so eng miteinander verwebt, dass es unmöglich ist, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Ort zu unterscheiden. Song of Solomon (1977, dt. Solomons Lied), oft als Morrisons beständigste Leistung bezeichnet, bringt eine komplexe, verflochtene Erzählung hervor, in der die Geschichte der amerikanischen Ureinwohner, die afroamerikanische Kultur, islamische Bildsprache, griechische Mythologie und jüdisch-christliche Symbolik miteinander verwoben sind und damit „einem wesentlichen Aspekt amerikanischer Realität Leben verleihen“[8]. Zu dem Zeitpunkt, als Morrison den Nobelpreis erhielt, hatte sie sechs Romane verfasst. Seitdem hat sie sieben weitere geschrieben, ferner zahlreiche Essays, Sachbücher sowie Theaterstücke und hat – zusätzlich zum Nobelpreis – auch den Pulitzerpreis, die Presidential Medal of Freedom und eine National Humanities Medaille erhalten. „Sie taucht in die Sprache selbst ein […], um sie von den Fesseln der Rasse zu befreien.“[9] Mit anderen Worten: Sie ist eine Gigantin der Literatur und ein gewaltiges Vorbild für jede Disziplin, die das Gleiche anstrebt.

Und doch hat auch die Sprache ihre „Seiten“. Linguistik – die „wissenschaftliche“ Erforschung der Sprache – ist eine weitere dieser Disziplinen, mit eben so vielen verstrickten und verbundenen Wegen. Im disziplinären Sprachgebrauch findet man rasch eine kognitive, evolutionäre, komparative, forensische, diachrone und sogar computerbasierte Linguistik, allesamt Zweige des gleichen Studienfelds, das bestrebt ist, Form, Bedeutung und Kontext von Sprache zu analysieren. Mein besonderes Interesse gilt der evolutionären Linguistik, einem Teilbereich der Psycholinguistik, der die psychosozialen und kulturellen Faktoren betrachtet, die mit den Ursprüngen von Sprache zu tun haben. Eine wesentliche Herausforderung ist das Fehlen empirischer Daten: Eine gesprochene Sprache hinterlässt so gut wie keine Spuren. Von den ungefähr 2000 auf dem Kontinent gesprochenen Sprachen verfügt nur Amharisch über ein einheimisches Alphabet (Schriftsystem), das derzeit verwendet wird. Die übrigen Sprachen werden von der lateinischen und der arabischen Schrift dominiert. Was bedeutet dies für hauptsächlich mündliche Kulturen wie die Mehrheit der afrikanischen Sprachen? Werden wir spurlos verschwinden?

Teil 2: Wandernde Bürger

„Das Gerede von Staatsbürgerschaft heutzutage ist oftmals dünn und blechern. Das Wort hat eine vage altmodische Anmutung, wenn es im alltäglichen Gespräch fällt. Wenn es in nationaler Politik heraufbeschworen wird, dann ist es für gewöhnlich vom gellenden Geheul eines herabstürzenden Geschosses im Kulturkampf begleitet.“

Eric Liu

Abb. 4
Zeichnung der New Port Authority, Stone Town, Sansibar © Joana Valgôde Ferro, Unit 3, GSA

 

Nur wenige Worte rufen bei Architekten eine ähnliche Begeisterung hervor wie jene, die sich in irgendeiner Art und Weise auf die Kartografie beziehen: „kartieren“, „pausen“, „kartografieren“, „grafisch darstellen“, „vermessen“. Diese berauschende Kombination aus Präzision, Vorstellungsvermögen und Macht spricht die nahezu sagenumwobene Fähigkeit des Architekten, eine Darstellung auf die Realität zu projizieren (oder genauer gesagt: umgekehrt), direkt an. Die Geometrie, oftmals als älteste Wissenschaft bezeichnet,[10] ist ein Zweig der Mathematik, der sich prinzipiell mit Fragen von Größe, Form, relativer Position von Figuren und Raumeigenschaften befasst – zufälligerweise Aufgaben, die der Architektur nicht unähnlich sind. Die Geometrie trat in einer Reihe früher Kulturen gleichzeitig auf – von Mesopotamien und der mittelalterlichen islamischen „Welt“ bis nach Indien und China –, als Methode, um Länge, Fläche und Volumen zu begreifen. Im Westen war sie vor allem von Euklid beeinflusst, dessen mathematische Abhandlung Die Elemente einen Standard begründete, der für das nächste Jahrtausend gelten sollte. Euklids Geometrie ist natürlich idealisiert, eine abstrakte Welt, in der Raum weder real noch gekrümmt ist, was Albert Einstein später beweisen sollte. Euklids Regeln haben sich am nachhaltigsten bewährt, wenn es um die Verlagerung von zwei auf drei Dimensionen geht, und das vermutlich nirgendwo eindrucksvoller als in Karten. In einer zweidimensionalen Darstellung wird es nur eine kürzeste Entfernung geben und deshalb auch nur eine Linie. Auf der Oberfläche des Globus, wo die Dinge gekrümmt, multidirektional und unvorhersehbar dargestellt sind, gibt es keine geraden Linien. Stattdessen gibt es eine unendliche Anzahl von Linien zwischen zwei Punkten, von denen jede die kürzeste Entfernung wiedergibt. Karten, die versuchen, die Erdoberfläche darzustellen, können keine unendliche Anzahl an Linien unterbringen und verzerren die „Fakten“ deshalb, sodass sie ihrem Zweck genügen. Wie die Linguistik ist auch die Kartografie ein Fach mit Teildisziplinen, Themen, Technologien, Prozessen und schönsten Sackgassen. Einige der einflussreichsten Namen in der Kartografie – vielleicht mit Ausnahme von Gerhard Mercator und Petersen – sagen uns heute kaum mehr etwas. Miller-Zylinderprojektion, Van-der-Grinten-Projektion, Plattkarte, Stereografische Gall-Projektion, Winkel-Tripel-Projektion, Mittabstandstreue Azimutalprojektion und Sinusoid sind allesamt Begriffe für Versuche, die Breiten- und Längengrade von Orten von der Oberfläche auf eine Kugel zu übertragen. Fragt bei Mercator nach. Kartografie ist weniger ein Versuch, Fakten so genau wie möglich darzustellen, als vielmehr die Anstrengung, sie so wenig wie möglich zu verzerren.

Abb. 5
Eine quer verlaufende Mercator-Projektion, „eine der komplexesten jemals entwickelten“ Projektionen als Teil der Projektion Space Oblique Mercator (SOM), gezeigt im Rahmen der Landsat-Vorlesung von Prof. Jeff Dozier an der University of California, Santa Barbara © John Parr Snyder

 

René Descartes wird oft als Vermittler zwischen Algebra und Geometrie bezeichnet, zwei unterschiedlichen Zweigen der Mathematik, die sich mit dem Raum befassen. Wie immer enthüllt die Etymologie das, was wir nicht mehr hören oder sehen können. Das Wort „Algebra“ leitet sich ab von dem arabischen Wort al-jabr und bedeutet so viel wie „die Vereinigung auseinandergebrochener Teile“. Auch sie ist fast schon vorausahnend. Obwohl Jahrhunderte voneinander entfernt, unterscheidet Henri Lefebvres Beschäftigung mit Descartes, die seiner Schrift Die Produktion des Raums (1974) voranging, eindeutig zwischen dem Raum als Gedanken und dem Raum als Erfahrung. „[Er] schwankt zwischen zwei gegensätzlichen Positionen: der Reduzierung von geometrischem Raum zum Gedanken und der ,Realisierung‘ von Raum außerhalb aller Gedanken.“[11] Die Linie(n) zwischen Euklid, Descartes, Lefebvre und Boeri sind nicht schwer zu erkennen. So wie eine nicht euklidische Geometrie Räume beschreibt, die jenseits des normalen Fassungsvermögens menschlicher Erfahrung liegen, so haben sich auch neue Formen von Raum entwickelt, die „von unseren Karten versteckt“ werden.

Ein solcher Raum, so möchte ich meinen, ist der „neue“ Raum der „Bürgerschaft“, die sich im Laufe der vergangenen 30 Jahren sowohl als direkte Folge des Fortschritts in der Kommunikation – Reisen, Telekommunikation, Information – entwickelt hat, aber auch aus dem Zerfall einer Reihe von Gewissheiten in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – der Kalte Krieg, 9/11, der Arabische Frühling usw. Die Ursprünge des Worts „citizen“ (dt. Bürger) liegen, wenig überraschend, in der „city“ selbst. Seine Geschichte reicht vom lateinischen civitas über das mittelenglische denizen zum heutigen citizen – also Bürger –, worunter weniger der Bewohner einer Stadt als der eines Landes oder eines Staats zu verstehen ist, also dort geboren oder eingebürgert. Boeris Beschreibung von „wandernden Bürgern in einer neuen urbanen Dimension“ spricht ganz eindeutig die neuen Verbindungen an, die sich infolge der Massenmigrationen der vergangenen 30 bis 50 Jahre ausgebildet haben. Es geht nicht nur, oder nicht einfach nur, um lineare Bewegungen von Afrika nach Europa, sondern quer laufende Migrationen: von Europa nach Europa, von seinen Rändern in seine Zentren, von einer Mittelmeerküste zur anderen, von den südlichen Rändern der Sahelzone zu ihren nördlichen Grenzen, von Kurdistan (Erbil) nach Kurdistan (Kirkuk) nach Kurdistan (Slemani), jedes in einem anderen Nationalstaat gelegen.

 

Abb. 6
Aufgrund ihrer feinen Blätter lassen sich Pflanzen nur schwierig ganz genau in 3-D scannen. Eine zusätzliche Kameravorrichtung wurde geschaffen, die den Fotogrammetrieprozess unterstützen soll.[12] Der große runde Tisch ist computergesteuert und bringt alle fünf Minuten automatisch eine andere Pflanze in den Scanbereich. © Prof. Lynn Cazabon, Department of Visual Arts, University of Maryland, Baltimore

Wie eine unendliche Anzahl von Linien, Punkten und Ebenen findet die moderne Migration überall statt, in jeder Dimension, jederzeit. Migration wurde zu ihrer eigenen Topografie, ein Fotogramm, in dem „Landschaften nicht nur physische Orte, sondern innerhalb unserer kulturellen Vorstellung verankert sind, als Projektionen unserer Wahlen, Ikonen unserer Handlungen“.[13] Teil der Diploma-Unit-6 an der Architectural Association, geleitet von Liam Young und Kate Davies, ist Unknown Fields „ein nomadisches Designstudio, das sich zu jährlichen Expeditionen an die Ränder der Welt hinauswagt“. Unit-6-Studentin Yufei Lis Atlas of Vanishing Lanscapes „rekonstruiert eine zerbrechliche Natur, indem sie die Live-Daten-Landschaft in eine Anordnung digitaler Erscheinungen überträgt. In dieser artifiziellen Geografie treiben wir entlang der gestrichelten Routen und Konturen, auf einer sich stets verändernden Karte einer von Daten angetriebenen Landschaft. Das digitalisierte Terrain wird als Instrument dargestellt, das als Reaktion auf unseren täglichen Konsum erscheint und verschwindet. Wenn reale Orte nicht länger erreichbar sind und Karten völlig verblassen, dann bestehen die digitalen Geister dieser fernen Landschaften in der Stadt als Platzhalter für ihre verschwundenen physischen Gegenüber.“

Abb. 7
Zeichnung eines verschwindenden Gletschers (A Vanishing Glacier) aus der AA-Diploma-Unit 6 (2015) © Yufei Li, Department of Ghost Cartographies

 

Teil 3: Wilder Rhythmus

„Die beiden Elemente, die der Reisende in der großen Stadt zuerst erfasst, sind außermenschliche Architektur und wilder Rhythmus. Geometrie und Qual.“

Federico Garcia Lorca

„In Europa lesen die Menschen nichts als schlechte Nachrichten über Afrika. Auf ähnliche Art und Weise wächst die Jugend im Senegal in dem Glauben auf, Europa sei ein goldenes Land. Wir lernen die Sprache und bekommen Bilder glücklicher Menschen, großartiger Gebäude und Denkmäler zu sehen, Leben voller Annehmlichkeiten. Dann kam ich dort hin. Ich erkannte, dass es so viel Stress gibt. In Spanien sah ich, dass nur wenige Menschen wahre Freiheit haben. Es stimmt, dass die Menschen in Afrika an Gewalt und Seuchen sterben. Hier sind es Stress und Selbstmord. Beide Orte zeichnen ein unzulängliches Bild voneinander.“[14]

Mamadou Dia ist der Gründer von Hahatay, einer senegalesischen NGO, die sich der Entwicklungsförderung seiner Heimatstad Gandiol, einer Küstenstadt an Senegals Grenze zu Mauretanien, gewidmet hat. Dia ist ein „ehemaliger Migrant“ (als wäre es ein Beruf oder eine Beschäftigung so wie „ehemaliges Gangmitglied“ oder „ehemaliger Geschäftsführer“) und der Verfasser des Buchs 3052: Pursuing a Dream, einem Bestseller in Spanien. Er besucht Spanien regelmäßig, um das Bewusstsein dafür zu schärfen, was die Menschen antreibt, alles zu riskieren, um nach Europa zu kommen. Zu Hause im Senegal arbeitet er daran, den Mythen über die Migration von Afrika nach Europa entgegenzuwirken. Hahatay verfügt über das obligatorische Gemeinschaftszentrum, das von der spanischen Architektin Nerea Pérez-Arróspide entworfen wurde, die tragischerweise bei einem Motorradunfall im Senegal ums Leben kam, „wo sie ihre Leidenschaft lebte, Leben mithilfe von Design zu verbessern“[15]. Abgesehen von dem Design und humanitären Verdiensten verfolgt das Gemeinschaftszentrum Sunu Xarit Aminata in Gandiol deprimierend vertraute Ziele: „[…] einen partizipatorischen Prozess, bei dem die Gemeinschaft auf allen Ebenen Seite an Seite mit der NGO arbeitet […] und angeregt wird, das Zentrum zu übernehmen, […] ein Prozess […] der [konzipiert wurde], um das Zentrum in eine gemeinschaftsbasierte Initiative und ein Instrument umzuwandeln, mit dessen Hilfe Gandiols Selbstentwicklung erreicht werden kann.“ Oh, diese Ausdrücke. In der breiten, vernetzten Art und Weise, in der Recherche heutzutage erfolgt, stieß ich sowohl auf Dia als auch auf das Zentrum über die Website von AiD, einem in Amsterdam ansässigen „gemeinschaftlichen Projekt, das die Welt einlädt, gemeinsam die kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und unterschiedlichen Kontexte hinter Architekturprojekten zu erforschen“.[16] „Entwicklung“ als Sammelbegriff hinter der Mehrzahl solcher Projekte und Organisation wird überhaupt nicht erwähnt. Das Sunu Xarit Aminata Cultural Center ist eine Version des architektonischen Ausdrucks, der in der Migration wurzelt, The Territory In-Between ist eine andere.

In der Beschreibung zu Aissata Baldes Designprojekt heißt es: „Dieses Projekt untersucht das Zusammenspiel zwischen physischen und erdachten Räumen auf eine Art und Weise, die es uns erlaubt, unser Verständnis von Staat, Grenzen und Raum zu überdenken. Die Reise von Migranten wird für gewöhnlich als linearer Verlauf von der Heimat bis in das Gastgeberland dargestellt. Tatsächlich ist sie jedoch von Störungen, Unterbrechungen, Phasen des Wartens, Vertreibung, Übergangsstadien und Entkommen gekennzeichnet. Mithilfe von Zeichnungen untersuche ich diese fließenden Vorstellungen von einem Territorium und erkunde dabei die Zwischenräume, die dessen zwei üblichen Untermauerungen widersprechen, nämlich ,Standort‘ und ,Staat‘. Während das englische ,state‘ sich oft auf eine organisierte politische Gemeinschaft unter einer Regierung bezieht, bedeutet es auch so viel wie ,Gemütszustand zu einem beliebigen Zeitpunkt‘. Meine Architektur berücksichtigt die Beziehung zwischen der Bildung, der Auseinandersetzung und den Widersprüchen von Gebieten sowie mit der Erhaltung ihrer Ränder und Grenzen. Es ist ein Boxenstopp, eine Durchgangsstation für Migranten auf ihrer Reise von zu Hause in eine unbekannte Welt. Es stellt Gesetze von Ein- und Ausreise infrage und manipuliert die Regeln traditioneller Orte für Ankunft und Abreise wie Häfen und Flughäfen. Es umfasst ein Krematorium, ein Badehaus, eine Fischfarm und eine Entsalzungsboje. Vom Festland der Kapverdischen Inseln, selbst ein physischer Ort der Diaspora, ist nur der Rauch des Krematoriums sichtbar.“

 

Abb. 8
Von Hand gefertigte Nachzeichnung von Überwachungskarten, Küste von Praia, Kapverdische Inseln © Aissata Balde, The Territory In-Between

 

Abb. 9
Im geschützten Hafen von Praia, Kapverdische Inseln: die Stadt vom Meer aus gesehen © Darren Sampson

 

Aissatas Vorhaben, die traditionelle Grenze zwischen Hand und Maschine verschwimmen zu lassen (deutlich in ihren Nachzeichnungen computergestützter Karten von Hand) − zwischen Zeichnung und Modell (deutlich in ihren Flachreliefzeichnungen), zwischen Meer und Land (die treibenden Bojen) und zwischen „Standort“ und „Ansicht“ (Rauch, Tod, Ritual, Krematorium) −, weisen auf ihre bemerkenswerte Fähigkeit hin, die eigene Position zu verkörpern, jene des Zwischenraums, des Hybriden, der Migrantin – in allen Aspekten ihres architektonischen Schaffens: Darstellung, Form, Programm, Standort, Nutzer – mit anderen Worten: die Bausteine jedes Architekturprojekts, überall. Der Standort ist weniger das physische Terrain, auf dem das Gebäude steht, als vielmehr das konzeptuelle Terrain in ihrer Vorstellung und ihrer Erfahrung, beides ist (auch hier wieder) miteinander verbunden, verwoben, verschwommen.

Abb. 10
The Territory In-Between in der Nacht von der Küste aus gesehen © Aissata Balde

 

Um kurz zu Boeri zurückzukehren: Mit der ursprünglichen Beziehung zwischen dem „Wie“ und dem „Was“, ist ein dritter Aspekt verbunden – die Auswirkung der Befragung sowohl der Methode als auch des Gegenstands, die man im Blick hat. Der Begriff „Design“ (im Italienischen disegno, quasi „vom Zeichen“) verweist nicht nur auf eine tatsächliche Zeichnung oder Linie, sondern gleichermaßen auf die Entstehung einer Idee aus den Tiefen des geistigen Auges hinaus in die Welt. Wie Oscar Niemeyer einmal feststellte: „Es war die Zeichnung, die mich zur Architektur gebracht hat.“ Aissata geht einen Schritt weiter, einen Schritt darüber hinaus. Es ist die Erfahrung (der Migration), die sie zum Zeichnen gebracht hat, und von dort zu Raum, Klang, Standort. In ihrer Arbeit sind die Anfänge – zaghaft, tastend, probierend – einer Sprache der Migration und deren Möglichkeiten, nicht deren Abwesenheit, das bestimmende Thema.

Endnotes

1. S. Boeri, Multiplicity, „Eclectic Atlases“, in: USE: Uncertain States of Europe, Mailand 2003. Auch verfügbar unter: https://urbanmedialabtraffic.files.wordpress.com/2012/04/boeri_eclectic_atlases.pdf, eingesehen am 30. Dezember 2017.

2. Ebd.

3. Ebd.

4. Ebd.

5. Neil Smith und Cindi Katz, „Grounding Metaphor – Towards a Spatialised Politics“, in: Michael Keith und Steve Pile (Hrsg.), Place and the Politics of Identity, London/New York 1993, S. 68.

6. http://cphpost.dk/news/experts-claim-viral-momondo-dna-advert-isnt-all-its-cracked-up-to-be.html, eingesehen am 30. Dezember 2017.

7. Siehe M. E. Weale, D. A. Weiss, R. F. Jager, N. Bradman und M. G. Thomas, „Y Chromosome Evidence for Anglo-Saxon Mass Migration“, in: Molecular Biology and Evolution, Bd. 19, Nr. 7, 2002, S. 1008–1021, https://academic.oup.com/mbe/article/19/7/1008/1068561, eingesehen am 30. Dezember 2017.

8.  „The Nobel Prize in Literature 1993 – Press Release“. Nobelprize.org. Nobel Media AB 2014, http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1993/press.html, eingesehen am 30. Dezember 2017.

9. Ebd.

10. Aus dem Altgriechischen: γεωμετρία: Geo – „Erde“ – metron – „Messung“. ((Korrekt?))

11. Stuart Elden, Understanding Henri Lefebvre, London 2004, S. 187.

12. Fotogrammetrie ist die Wissenschaft, mit der sich Maße aus einer Fotografie herleiten lassen, besonders im Hinblick auf Positionen von Oberflächenpunkten. Die Stereofotogrammetrie, ein Zweig der Fotogrammetrie, umfasst die Schätzung dreidimensionaler Koordinaten von Punkten anhand der Verwendung von Maßen von zwei oder mehreren Fotografien, die von unterschiedlichen Positionen aus aufgenommen wurden. Im Ersten Golfkrieg wurde diese Technologie eingesetzt, um digitale Modelle von Gebieten zu erstellen, die es Piloten ermöglichten, das Terrain digital von einem Cockpit aus zu erkunden, ehe sie in unbekanntes Gebiet fliegen mussten.

13. http://pr2015.aaschool.ac.uk/DIP-06/Yufei-Li, eingesehen am 31. Dezember 2017.

14. https://newint.org/features/web-exclusive/2015/07/22/migrant-dreams-clash-with-european-reality, eingesehen am 31. Dezember 2017.

15. http://masteremergencyarchitecture.com/2015/11/06/nereas-tribute-to-senegal, eingesehen am 31. Dezember 2017.

16. http://architectureindevelopment.org/aidpages.php?id=1, eingesehen am 31. Dezember 2017.